Eine Freie Trauung kann alles sein, was zu euch passt. Und genau darin liegt ihre größte Stärke, aber auch ihre größte Herausforderung. Denn wenn es keine festen Vorgaben gibt, muss auch niemand einfach das übernehmen, was bei Hochzeiten eben „dazugehört“.
Doch wie entsteht eigentlich eine Zeremonie, die sich wirklich nach einem Paar anfühlt? Welche Rolle spielt die persönliche Geschichte, was macht eine gute Traurede aus und woran erkennt ihr eine*n Trauredner*in, dem oder der ihr eure Geschichte anvertrauen möchtet?
Darüber habe ich mit Johann-Jakob Wulf von Strauß & Fliege gesprochen. Seit 2014 gestaltet er Freie Trauungen und beschäftigt sich damit, wie aus persönlichen Geschichten eine Zeremonie entsteht, die Bedeutung bekommt, ohne sich nach einem vorgefertigten Hochzeitsschema anzufühlen.
Freie Trauung kann genau das leisten: Sie gibt einem wichtigen Versprechen einen würdigen Rahmen und orientiert sich trotzdem konsequent an den Menschen, die es abgeben.
Johann-Jakob, wer bist du und wie bist du überhaupt Freier Trauredner geworden?
Ich wurde 1983 in Rostock geboren und komme aus einer Familie, in der Sprache, Religion und Zeremonien immer eine Rolle gespielt haben. Mein Vater ist Pastor, bereits in achter Generation, meine Mutter ist Journalistin. Vielleicht habe ich deshalb früh mitbekommen, wie sehr Worte Menschen berühren können – aber auch, wie wichtig der Rahmen ist, in dem diese Worte gesprochen werden.
2014 baten mich dann Freunde, ihre Freie Trauung zu gestalten. Ich hatte großen Respekt vor dieser Aufgabe. Schließlich steht man dort nicht einfach vor Publikum und hält eine schöne Rede. Man übernimmt für einen sehr besonderen Moment im Leben zweier Menschen Verantwortung. Die Trauung wurde ein großer Erfolg und sprach sich schnell herum. Plötzlich kamen weitere Anfragen. Daraus entstand schließlich Strauß & Fliege.
Mich hat von Anfang an die Frage fasziniert, wie man die Bedeutung und Verbindlichkeit einer Zeremonie bewahren kann, ohne Menschen in religiöse, gesellschaftliche oder traditionelle Formen zu drängen, die nicht zu ihnen passen. Eine Freie Trauung kann genau das leisten: Sie gibt einem wichtigen Versprechen einen würdigen Rahmen und orientiert sich trotzdem konsequent an den Menschen, die es abgeben.
Was ist eine Freie Trauung genau und was wird häufig missverstanden?
Das erste Missverständnis steckt schon im Wort „frei“. Eine Freie Trauung muss nicht unter freiem Himmel stattfinden. Sie heißt so, weil sie nicht an die Vorgaben einer Kirche, einer Religion oder einer staatlichen Institution gebunden ist. Rechtsgültig ist sie allerdings nicht. Wer vor dem Gesetz verheiratet sein möchte, muss weiterhin zum Standesamt. Die Freie Trauung ist der persönliche und emotionale Teil der Hochzeit.
Frei bedeutet außerdem nicht, dass alles spontan passiert oder einzelne Programmpunkte beliebig zusammengesetzt werden. Eine gute Freie Trauung braucht eine klare Dramaturgie: einen bewussten Anfang, einen getragenen Mittelteil, einen Höhepunkt und einen stimmigen Abschluss. Der Ablauf soll dem Paar und den Gästen Sicherheit geben, ohne sie einzuengen. Rituale, Musik, Beiträge von Angehörigen oder persönliche Eheversprechen können dazugehören – müssen es aber nicht. Wir übernehmen nichts automatisch, nur weil es bei Hochzeiten häufig so gemacht wird. Jedes Element sollte eine Bedeutung für dieses konkrete Paar haben. Bei Strauß & Fliege sagen wir deshalb gern: frei, aber nicht beliebig.
Warum entscheiden sich Paare für eine Freie Trauung?
Viele Paare wünschen sich einen Moment, in dem ihre Beziehung wirklich sichtbar wird. Das Standesamt erfüllt eine wichtige rechtliche Aufgabe, bietet aber häufig nur einen begrenzten zeitlichen und gestalterischen Rahmen. Eine kirchliche Trauung wiederum passt nicht zu jedem Glauben, jeder Biografie oder jedem Lebensentwurf.
Eine Freie Trauung beginnt deshalb nicht mit der Frage: „Wie macht man das normalerweise?“ Sie beginnt mit der Frage: „Was braucht dieses Paar, damit sich dieser Moment wahr und richtig anfühlt?“ Das kann für ein Paar eine kleine Zeremonie nur mit den eigenen Kindern sein. Für ein anderes ist es eine große internationale Hochzeit mit mehreren Sprachen. Manche Paare wünschen sich viel Humor, andere eine ruhige und feierliche Atmosphäre. Manche möchten ihre Familien intensiv einbinden, andere wollen diesen Moment ganz bewusst nur miteinander erleben.
Freie Trauungen eignen sich besonders gut für queere Paare, interkulturelle Beziehungen, Paare mit unterschiedlichen Religionen oder Menschen, die sich in traditionellen Rollenbildern nicht wiederfinden. Aber sie sind keineswegs nur eine Alternative für besondere Konstellationen. Sie sind für alle Menschen geeignet, die nicht irgendeine Hochzeit feiern möchten, sondern ihre eigene.
Der eigentliche Vorteil liegt also nicht darin, möglichst viele Freiheiten zu haben. Er liegt darin, eine Form finden zu können, die wirklich zu den Menschen passt.
Wie entsteht aus der Geschichte eines Paares eine persönliche Zeremonie?
Am Anfang steht für mich immer die Beziehung zwischen dem Paar und dem Redner. Ohne Vertrauen entsteht keine wirklich persönliche Rede. Deshalb sollte es zunächst ein unverbindliches Kennenlernen geben. Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell ein Paket zu verkaufen. Beide Seiten müssen prüfen können, ob Sprache, Haltung und Persönlichkeit zusammenpassen. Nach der Entscheidung beginnt die eigentliche Vorbereitung.
Wir führen ausführliche Gespräche mit dem Paar – gemeinsam, teilweise auch einzeln. Wir fragen nach dem Kennenlernen, nach wichtigen Entscheidungen, nach Krisen, nach dem gemeinsamen Alltag und nach den Dingen, über die beide lachen können. Je nach Wunsch beziehen wir auch Freunde, Trauzeugen oder Familienmitglieder ein. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele private Einzelheiten zusammenzutragen. Ein guter Trauredner muss unterscheiden können: Welche Geschichte hilft dabei, das Paar zu verstehen? Was sorgt für Nähe? Was darf humorvoll erzählt werden? Und was gehört nicht auf eine Bühne?
Aus diesen Gesprächen entwickeln wir den Ablauf, stimmen Musik und Beiträge ab und schreiben eine vollständig individuelle Rede. Bei Strauß & Fliege arbeiten wir nicht mit vorgefertigten Textbausteinen. Die Rede soll nicht nur Namen und Daten enthalten, die ausgetauscht werden könnten. Sie soll die Sprache, den Humor, die Werte und die besondere Dynamik dieses einen Paares tragen.
Was unterscheidet Strauß & Fliege von einem einzelnen Trauredner oder einem einfachen Vermittlungsportal?
Strauß & Fliege ist keine lose Liste von Menschen, die Traureden anbieten. Wir verstehen uns als Team und als Wertegemeinschaft. Unsere Redner werden von uns persönlich ausgewählt und ausgebildet. Sie bringen unterschiedliche Lebenswege, Stimmen und Persönlichkeiten mit, arbeiten aber nach einem gemeinsamen Qualitätsverständnis. Dazu gehören eine intensive Paarbindung, eine sorgfältige Vorbereitung, individuell geschriebene Reden und eine klare, respektvolle Haltung gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen.
Wir tauschen uns regelmäßig aus, bilden uns weiter und unterstützen einander bei der Vorbereitung schwieriger oder besonderer Zeremonien. Hinter dem jeweiligen Redner steht also ein ganzes Netzwerk aus Erfahrung. Das zeigt sich auch dann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. In mehr als zehn Jahren musste bei Strauß & Fliege noch keine Freie Trauung ausfallen, weil ein Redner kurzfristig absagen musste. Unser Netzwerk ermöglicht es uns, im Notfall Verantwortung zu übernehmen und füreinander einzuspringen. Gleichzeitig können Paare bei uns unterschiedliche Profile vergleichen und den Menschen auswählen, der wirklich zu ihnen passt. Sympathie ist für eine gute Zusammenarbeit keine Nebensache. Sie ist eine ihrer wichtigsten Grundlagen.
Welche Nachteile oder Herausforderungen hat eine Freie Trauung?
Die Freiheit einer solchen Zeremonie ist ein großer Vorteil, verlangt dem Paar aber auch Entscheidungen ab. Wenn es keine vorgeschriebene Form gibt, muss gemeinsam herausgefunden werden, was wirklich passt. Deshalb ist eine professionelle Begleitung so wichtig. Hinzu kommt der zeitliche und finanzielle Aufwand. Eine sorgfältige Vorbereitung umfasst mehrere Gespräche, die Entwicklung des Ablaufs, die Abstimmung mit weiteren Beteiligten, das Schreiben der Rede und die Durchführung der Zeremonie.
Eine Freie Trauung kommt außerdem zusätzlich zur standesamtlichen Eheschließung hinzu. Bei Zeremonien im Freien müssen Wetter, Akustik, Sonnenschutz, Bestuhlung und technische Fragen berücksichtigt werden. Eine wunderschöne Wiese allein macht noch keine gute Trauung. Wenn ältere Gäste in der Sonne sitzen, niemand die Rede versteht oder bei Regen kein tragfähiger Ersatz vorhanden ist, hilft auch die romantischste Vorstellung nicht weiter. Eine weitere Herausforderung ist, dass die Berufsbezeichnung Freier Trauredner nicht geschützt ist. Ausbildung, Erfahrung und Arbeitsweise können sich stark unterscheiden. Paare sollten deshalb nicht nur auf schöne Fotos oder einen guten Internetauftritt achten. Sie sollten fragen, wie die Vorbereitung abläuft, wie individuell die Rede geschrieben wird, wie der Redner mit ungeplanten Situationen umgeht und ob sie diesem Menschen ihre Geschichte wirklich anvertrauen möchten.
Eine Freie Trauung ist also nicht automatisch besser als jede andere Form. Sie ist dann gut, wenn sie professionell vorbereitet wird, zum Paar passt und von einem Menschen getragen wird, bei dem sich beide sicher fühlen.
Eine Trauung, die zu euch passt
Johann-Jakob Wulf begleitet seit 2014 Freie Trauungen und hat selbst mehr als 100 Paare auf diesem Weg begleitet. Mit Strauß & Fliege hat er außerdem ein Netzwerk aufgebaut, das heute rund 60 Rednerinnen und Redner in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus umfasst. Gemeinsam haben sie seit 2014 mehr als 2.500 Freie Trauungen gestaltet.
Wenn ihr gerade überlegt, ob eine Freie Trauung zu euch passt, zeigt das Gespräch vor allem eines: Es geht nicht darum, möglichst viele Möglichkeiten auszuschöpfen. Es geht darum, eine Form zu finden, die sich für euch richtig anfühlt.